Ausstellung

Begegnungen mit dem Unsichtbaren

Anish Kapoor im Lehmbruck Museum Duisburg

Er zählt zu den visionärsten Künstlern der Gegenwart: Anish Kapoor (*1954, Mumbai) prägt seit mehr als fünf Jahrzehnten die zeitgenössische Kunst mit seiner unverwechselbaren Formensprache, die seinen Skulpturen eine universelle Gültigkeit verleiht. Mit dem renommierten Wilhelm-Lehmbruck-Preis wird nun sein wegweisendes Lebenswerk gewürdigt, das die Entwicklung der Bildhauerei bis heute prägt. Mit 16 Werken aus fünfzig Jahren künstlerischer Praxis zeigt das Lehmbruck Museum die umfangreichste Ausstellung des Künstlers in Deutschland seit über zehn Jahren.

Portrait Anish Kapoor, Foto: Georg Darrell

Porträt Anish Kapoor
Foto: Georg Darrell, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026 / Anish Kapoor

Anish Kapoor verließ Indien mit 16 Jahren und fand über Israel seinen Weg nach London. Dort studierte er in den 1970er-Jahren am Hornsey College of Art und später am Chelsea College of Arts. In der Folge etablierte er sich als einer der führenden Vertreter der New British Sculpture, die vor allem im Bereich der Skulptur neue Wege beschritt. Bereits in seinen frühen Werken arbeitete Kapoor mit der psychologischen und mythologischen Kraft der Farbe. Durch den Einsatz loser Pigmente löste Kapoor die Grenzen zwischen klassischer Skulptur und Malerei auf und schuf Werke, die materiell greifbar und zugleich flüchtig wirken. Seit Ende der 1980er-Jahre erweiterte Anish Kapoor seine Materialpalette radikal und begann, das Wechselspiel von Innen und Außen sowie Leere und Fülle in Stein, Edelstahl, Harz oder Wachs zu erforschen. Begriffe wie Void (Leere) oder Non-Object (Nicht-Objekt) beschreiben seither seine Suche nach Formen, die sich einer eindeutigen physischen Verortung entziehen.

Insbesondere seine hochglanzpolierten Spiegelskulpturen sind heute weltweit bekannt: Sie verformen die Umgebung, fordern die Wahrnehmung heraus und heben die Grenzen des physischen Raums auf. Vor allem in den letzten Jahren denkt und arbeitet Kapoor in monumentalen Dimensionen. Eines der berühmtesten Beispiele hierfür ist Cloud Gate (2004) in Chicago oder die erste aufblasbare Konzerthalle der Welt, Ark Nova (2013). Neben seinem skulpturalen Werk umfasst sein Schaffen ein umfangreiches Œuvre an Zeichnungen und Gouachen, in denen Farbe, Körperlichkeit und Dunkelheit aufeinandertreffen.

Anish Kapoor, Double S-Curve, 2019, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026 , Foto: Dejan Saric

Double S-Curve, 2019
Foto: Dejan Saric, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026 / Anish Kapoor

Innerhalb der Duisburger Ausstellung treffen Kapoors faszinierende Werke auf die ikonische Architektur des Museumsbaus und schaffen gemeinsam eine unverwechselbare Erfahrung. Das Gebäude wird zum Resonanzraum von Kapoors Ideen: Licht und Schatten, Raum und Material verändern die Wahrnehmung und erweitern gleichzeitig die Vorstellungskraft. Im Parcours durch die Ausstellung begegnet man Werken, die wie Schwellen zu anderen Dimensionen sind – geheimnisvoll und von unmittelbarer Präsenz. Mit einem unendlich scheinenden Formenreichtum erforscht Anish Kapoor die Grundbedingungen des Menschseins. Es geht um das Mysterium des Lebens und des Todes, um die widerstreitenden Kräfte, die das Dasein bestimmen. Im Zentrum steht die Frage: Wie lässt sich das darstellen, was nicht greifbar, nicht sichtbar ist, das, was den Menschen im Kern ausmacht?

Anish Kapoor, Spire, 2014, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026 , Foto: Dejan Saric

Spire, 2014
Foto: Dejan Saric, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026 / Anish Kapoor

Im Verlauf seines künstlerischen Werdegangs hat Anish Kapoor die Bildhauerei maßgeblich verändert. Er hat Materialien an ihre Grenzen geführt und Werke von spektakulären Ausmaßen geschaffen. Seine Skulpturen verlangen ambitionierte technische Meisterleistungen und einen akribischen Blick für Details. Kapoors Werken zu begegnen, ist ein Erlebnis: Beinahe außerirdisch, surreal und überpräsent transformieren die Objekte den Raum und schärfen alle Sinne. In der Ausstellung im Lehmbruck Museum erwarten Besucherinnen und Besucher unter anderem eindrucksvollen Arbeiten wie Past, Present, Future – eine über drei Meter hohe, kugelförmige Arbeit aus tiefrotem Wachs –, ein beinahe 15 Meter langer, spiegelnder Korridor in Form der Double S-Curve sowie die illusionistischen Werke Non-Object Black, deren tiefschwarzes Pigment (Vantablack) den Blick förmlich in sich hineinzieht. Die Skulpturen Kapoors sind keine rein statischen Objekte, sondern immersive Erfahrungsräume, die berühren, erstaunen und verändern. Er schafft es mit seiner Kunst, Komplexität, feine Nuancen und vielfältige Perspektiven zu vereinen und dabei die Fragilität des menschlichen Seins zu thematisieren. Anish Kapoors Werk besticht durch die Versöhnung von vermeintlichen Gegensätzen: außen und innen, dunkel und hell, materiell und immateriell.

Anish Kapoor, Mother as a Mountain, 1985 und Anish Kapoor, When I am Pregnant, 1992, beide Werke © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Dejan Saric

Mother as a Mountain, 1985, und Anish Kapoor, When I am Pregnant, 1992
beide Werke © VG Bild-Kunst, Bonn 2026 / Anish Kapoor, Foto: Dejan Saric

Anish Kapoor hat international an bedeutenden Orten ausgestellt, darunter im Museum of Modern Art und im Jewish Museum in New York, in der Tate Modern in London, im Schloss Versailles, im Palazzo Strozzi in Florenz sowie im Kaiserlichen Ahnentempel in Peking. Bereits 1990 vertrat er Großbritannien auf der Biennale von Venedig, wo er mit seinen tiefblauen Void-Skulpturen internationale Maßstäbe setzte. In diesem Jahr rückt sein Schaffen erneut ins Zentrum der globalen Aufmerksamkeit: Zeitgleich mit der Ausstellung im Lehmbruck Museum bespielt er während der 61. Biennale von Venedig den Palazzo Manfrin und präsentiert sein Werk im Serlachius Museum in Mänttä, Finnland, sowie in einer großen Schau in der Londoner Hayward Gallery. Anish Kapoor wurde 2013 im Rahmen der Queen’s Birthday Honours zum Ritter geschlagen. Für sein wegweisendes Werk erhielt er einige der bedeutendsten Auszeichnungen, unter anderem den Turner Prize, den Praemium Imperiale sowie jetzt den Wilhelm- Lehmbruck-Preis, der den Mut und die Innovationskraft von Anish Kapoor würdigt, mit denen er die Vorstellungskraft in neue Dimensionen führt. Die Ausstellung ist eine seltene Gelegenheit, Kapoors Schaffen in seiner ganzen Tiefe zu erleben. Sie lädt dazu ein, sich intensiven Sinneseindrücken zu öffnen und dem Unsichtbaren zu begegnen.

Anish Kapoor äußerte sich zum Erhalt des Preises: „Ich fühle mich geehrt, den renommierten Wilhelm-Lehmbruck-Preis für Bildhauerei zu erhalten. Viele geschätzte Kollegen haben diesen Preis vor mir bekommen und ich bin sehr gerührt, neben ihnen zu stehen.“ Der Wilhelm-Lehmbruck-Preis wird alle fünf Jahre vergeben und seit 2020 maßgeblich vom Landschaftsverband Rheinland gefördert. Söke Dinkla, Leiterin des Lehmbruck Museums, betont: „Zu ganz unterschiedlichen Zeiten verfolgen Wilhelm Lehmbruck und Anish Kapoor in ihrem Werk ähnliche Ziele: In einer rational organisierten Welt machen sie das Zarte und Prekäre der Seelenwelt des Menschen spürbar. Es ist mir auch deshalb eine sehr große Freude, dass Anish Kapoor von einer internationalen Jury als Preisträger für den Wilhelm-Lehmbruck-Preis ausgewählt wurde. Die Ausstellung vereint ikonische Skulpturen aus jeder seiner Schaffensphasen. Wir können also beispielhaft verfolgen, wie sich das Werk dieses großen Künstlers entwickelt hat. In unserer einzigartigen Museumsarchitektur findet das Werk von Kapoor einen idealen Resonanzraum: Das Andächtige der Architektur findet mit zentralen Aspekten der Werke Kapoors zu einer neuen Einheit zusammen.“


Auf einen Blick

Ausstellung
Anish Kapoor
Bis 30. August 2026
Wilhelm-Lehmbruck-Preisträger der Stadt Duisburg und des Landschaftsverbandes Rheinland

Kontakt
Lehmbruck Museum
Friedrich-Wilhelm-Straße 40, 47051 Duisburg
Tel. +49-(0)203-283-3294
www.lehmbruckmuseum.de

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Profile

In seiner langen Geschichte kann das Lehmbruck Museum auf eine abwechslungsreiche Entwicklung zurückblicken. Es zählt heute zu den traditionsreichsten Häusern Deutschlands und gehört zu den bedeutendsten Skulpturensammlungen Europas. Den Grundstein für die Entwicklung Hauses legte die Gründung eines Kunstvereins 1905, und nur zwei Jahre später übernahm dieser auch den Aufbau einer Sammlung zeitgenössischer Kunst. Seit 1925 entwickelte Gründungsdirektor August Hoff auf Basis der Sammlung Lehmbruck das Kunstmuseum. Nach den dunklen Jahren der NS-Zeit, in dem das Haus rund 100 seiner Werke als „entartete Kunst“ verlor, begann das Haus wieder zu wachsen. 1964 wurde schließlich im Kant-Park das von Manfred Lehmbruck konzipierte Wilhelm Lehmbruck Museum eröffnet. Der Erweiterungsbau von 1987 verdoppelte schließlich nahezu die Ausstellungsfläche. 2008 konnte der Nachlass Wilhelm Lehmbrucks dauerhaft für Duisburg gesichert werden. Seither festigte das Haus seinen Status als Künstlermuseum, das seit 2013 von Söke Dinkla geleitet wird.

Bildnachweis:
Lehmbruck Museum, © Lehmbruck Museum Duisburg, Foto: Jürgen Diemer

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